weblog 2018
weblog archive
portfolio
bio
memojar
herkunft
gedichte
crisbocult

Gedichte


Fragen I


Wann war's?
Daß ich verlor mein Ziel
Und vor rosigem Erfolge
Aus dem Raster fiel?

Taumelnd – war's Reise, war's Flucht?
Auf der Suche ohne Lot,
Welches richtet in der Not,
Nur Klippen fand und keine Bucht.

Mir ging der Leib entzwei,
Kratzte ab die alte Haut,
habe mich mir selbst geraubt
Und wurde doch nicht frei.

Keinen Arm im Arme mehr,
keine Heimat, kein Genesen,
Nur ein Blick von altersher:
Hier war schon wer gewesen.

Leipzig, 2016

Verkehrt


Wo vertrieben wird alle Ruh'
Spürest Du
(mühsam stehend)
Nicht Zittern noch Beben,
Noch Seelenregen;
Das Überhaupt ist verkehrt.
Hier findest Du nur leere Form.
Wirf ab die fremde Haut!
– lächerliche Maskerade von Horn und Hohn –
Und mache kehrt!

2015

Skizze zur Zeit


Es bedarf nicht
wenig Anstrengung u. Intellekt,
damit der Überbau
das Offensichtliche
verdeckt.

2015

Zwei Hunde


Zwei Hunde habe ich,
Erfolg und Freiheit geheißen,
Den Zwinger nannte ich Glück,
Und manchmal beim Füttern beißen
Sie von meiner Hand ein Stück.

Selbst vom Tisch gebe ich,
Den Lefzen mein spärliches Mahl,
Dass wenig bleibt außer Fron.
Bin immerzu hungrig,
Und gar manch beschwerliches Mal,
Wollt' ich sie vergiften schon.

Ob sie alles fressen,
Was ich irgend kann entbehren,
Mager bleibt ihre Statur.
Ihr Zetern lässt vergessen,
Was an Sinn sie einem lehren:
Nimmersatt ihre Natur.

Zwei Hunde habe ich,
Die vernarbten Schnauzen gebleckt,
Einer hinkt, der andre schielt,
Kläffen und balgen sich
Auf einer Decke kotverdreckt,
Ich glaub, es war die Kindheit.

Leipzig, 2015

Jahreswechselhaiku


Silvester heißt erst Völlerei
und dann – Null Uhr –
die Böllerei.

Leipzig, 2015

Glatt


Über das Wollen zum Sein
Zerknüllte Blätter mein Geröll
Sich die Spur erratisch zieht
Talwärts glättet der Stein.

Leipzig, 2015

Mykenischer Gesang


Auf Marmorstufen,
unterm Baldachin,
wirst Du mich suchen,
in Allegorien.

Athenes Eulen
geben Dir Gestalt,
dorische Säulen
im Mykener-Wald.

Dort koste schweigend,
in Astraios' Schein,
den Helme neigend,
arkadischen Wein.

Lass Dich besiegen,
von Nyx rotem Mund,
Karyatiden,
wachen dieser Stund.

Unter der Koren
ferner Blicke Wahl,
wirst du geboren,
ein weiteres Mal.

Reudnitz, 2015

Wiederkehr


Der Schönste, liebster Jüngling aller in Ewigkeit, mit Schwur
der Kosmos vereidet zu seinem Schutze, ihm nie zu grimmen, Baldur,
aus Deinen Augen strahlt das Licht, ein Spiegel der höchlich
Schönheit Dein Abbild, Deine segnenden Hände so löblich
sich gebaren, Dir selbst noch ereilen Grüße vom Olymp, ferne
reicht, was weiter als die Sonne strahlt, Dein Ruhm; und Sterne,
blitzen still und schwelgend, sie, die wandern auf endlosen
Bahnen, (Deine Heimstatt,) hernach Dich wonnenen Blickes liebkosen.

Er, von der Mistel geküsst, sank, muss sinken, so ward
es gewebt im Nornentuch, dass weinten alle in Asagard
und alle Wesen, Hohen und Niedern, aller Heimstätten
trauerten dem Neider zur List Gefällten, so als hätten
sie verloren den eigenen, den Geliebten, den Sohn; Siegfried
zeugt, und Achilles, von diesem Urgescheh'n. Uns schied
zur höchsten Stund' das Kostbarste, die Freude, und aller
Götterfunken Glanz verstürb'.
Es stehen verloren die Waller.

Sein, dem Lichten, aller Erden Fürst, wird endlich Reich, erst
fürderhin, wenn alte Welten in Dämmerung und Du längst fährst,
auf Wellenrossen der Toten, aller Welten größtes Heer,
längst nicht, denkst du, mein Toter, (mehr,) an deine Wiederkehr.
Doch Sonne ist sein Antlitz, sterblich nicht, was lose von Zeit Saphir
und Mohn beim Wachsen schaut, es werden grünen zu Deiner Zier
die Fluren, wunderdurchwirkt strecken sich Zweig und Glieder.
Weckt ihn nicht! Wartet nur, wissend – er kommt wieder.

Reudnitz, 2015

Unter Eichen


Ich erinnere mich gut an Sztynort...
Steinort einst und lang,
den Lehndorffs – alter Name, altes Gut,
von der Wiege bis zum Grabe
Boden, was blieb ist eine Allee uralter Eichen.
wer ist Schuld an der Geschichte?
Zwischen Verachtung und Hohelied,
liegt die Zeit vergessen dort.

erste Fassung: Hildesheim, 2014
überarbeitet 2018

Mensch nach A. G.


Augentier Mensch,
sich-selbst-Marionette,
Trieb u. Gier,
kurz: Überlebenswille.
ATMEN / FRESSEN / SAMEN – – –
Alles drum herum:
Gebaren und Fassaden.

Joensuu, 2013

Altern


Wenn wir jung sind, ist das Alter so fern,
ferner noch als das Verstehen,
dabei ist alles schon zu sehen:
Eltern, Altern, Großeltern. (Stein!)

Weder Haut, noch Aug, noch Haar,
bleibt von Zeiten ungetastet,
Stoff reibt sich ab und auf und hastet,
zum Zerfall reicht jedes Jahr.

Das was stramm und straff sich regt,
jung und stark und geil der Leib,
welkt länger als die Blütezeit; Mann und Weib
erst Trieb, dann Gewohnheit zusammenlegt.

In zwei Dekaden birgt das Mädchengesicht
Schattensaiten verhallter Klänge Weibesschmerz.
Jede findet ihren Stechling, manch eine Krebs;
Schminke färbt, doch verdeckt die Falten nicht.

Jungen werden Väter oder schwul vielleicht,
auch tot durch Kugel, Pille, Unachtsamkeit.
Der Weg zum Glück heißt Herzeleid.
Altern ist so schwer; Altern geht so leicht.

Das Leben ist zum Glück(-lichsein) zu lang,
Stilsuche: ewige Flucht vor dem Spiegelbild,
Wüstennot, wo keine Muttermilch mehr stillt,
Selbstbetrug spricht den besten Fang.

Viel wollen – wenig haben: Schrebergarten,
die Augen so groß, die Hände so klein,
anspruchslos heißt glücklich sein.
Traum vom Mehr, ergrauendes Warten.

Seitensprung o. Kollision bei Pärchenfahrt,
für ein paar Brüste und ein nettes Gesicht,
hat sich schon mancher seines Traums entledigt.
(Überschätzter Wille!) Aller Wunsch bleibt Surrogat.

Was bleibt: Leben u. Streben, einzig-große Hatz,
doch irgendwann bleibt jeder stehn',
wird müde, alt und stirbt dahin,
- so findet man dann seinen Platz.

Joensuu, 2013

Anhebung zum Herbstgesang


Wo sich beharrlich manch’ Maiengrün,
ans erste Bunt des Jahrtods reiht,
reiche Fruchtlast alle Zweige neigt,
und noch die späten Dolden blühn.

Wo in elegantem, fernen Flug,
Sommergäste der Kälte fliehn,
Rehe äsend durch die Felder ziehn,
die Ernte wartet, Wein füllt Krug.

Dort lehnt an Tatkraft Abendstimmung,
die Farbenpracht prägt Bild und Sinn,
es braucht das Ende für den Beginn,
Blätter färben, sterben, fallen:
Erneuerung!

Riga, 2013

Alltag


Alle Tage: Neues Drama!
Sonnenflug und Göttersturz,
großes Walten der Gefühle,
Morgentempel fallen wüst.

Wurm und Adler als Gestalt,
über Sand und Knochen nur,
Lilien welken vorm Erblüh’n,
Athen wird Heimat nicht.

Questen-Lauscher, Reich-Sucher,
ewiger Kronen-Wächter:
großes Staubverehren,
kein Ring dient als Beweis.

Hildesheim, 2013

Die Zeit heilt alles Sein


Die Zeit heilt alles Sein
Unter Wurzeln und Stein,
wird einst mein Gebein,
bevor man mich vergessen,
vom Maul der Zeit gefressen.

Und was von mir oben bleibt,
das bisschen Kitsch der Zeit,
rinnt alsbald aus Hand und Kopf,
ergraut und fällt wie jeder Schopf.

Die Zeit ist ein struppig Wolf,
verschlingt jede Stund, alle Zwölf.
Dem Ewigen hält mitnichten Stand,
was bedeckt, vom Meer ohne Rand.

erste Fassung: Hildesheim, 2010
überarbeitet u. erweitert 2014